Doku-Fiktion „Gegen die Angst“

Alles „Gegen die Angst“

 

Es war Herbst…

… zum Jahresende 2001. Ich weilte auf der iberischen Halbinsel mitten in der kastilischen Hochebene. In Valladolid, der Geburtsstadt Philipp II.,absolvierte ich mein erstes Auslandssemester an der dortigen Universität. Eine intensive und prägende Erfahrung ist es, sich in einem durchaus fremden Kulturkreis zurechtzufinden. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse unterwegs, entwickelte ich eine besondere Sensibilität für meine Umgebung. Ich war sehr empfindlich für alles um mich herum. An einem sonnigen Herbstnachmittag im November, direkt nach den Vorlesungen, klingelte mein Mobiltelefon. Es war mein Vater im fernen Deutschland. Er hatte mich gerade noch in Spanien an meinem Studienort besucht. Wir hatten im Oktober mit seinem Auto gemeinsam viele Städte erkundet. Es war ein richtiges Roadmovie: Vater und Sohn 30 Tage unterwegs in einem Auto – einen sensationelle Erfahrung. Gerade eine Woche war er wieder auf dem Heimweg. Wahrscheinlich wollte er sich nun zurück melden und gut daheim angekommen war. Irgendetwas aber stimmte an der Vermutung nicht. Vater war immer zügig unterwegs. Nach drei Tagen hätte er schon in unserer Heimatstadt sein sollen. Der erste Satz dieses sonderbaren Anrufes war „Ich solle mir keinen Sorgen machen. Es ist alles geregelt!“        Stille!

In mir stieg die Angst

„Was ist geregelt? Warum ist etwas geregelt? Worum geht’s und was ist hier eigentlich los?“ – So in etwa begann meine Flut an Fragen, die ich völlig ahnungslos in den Hörer stammelte. Was war passiert? Völlig hilflos saß ich in dem kleinen WG-Zimmer in einer großen Industriestadt in einem 2500 km entfernten Land. Ich hatte den schlimmen Verdacht, ihm am Telefon Lebewohl sagen zu müssen. Blanke Angst stieg in mir hoch. ‚Ich verliere jetzt meine Familie!‘ war mein nächster Gedanke. Alle Lässigkeit, aller vertrauter Spaß in den Gesprächen war wie weggeblasen. Es blieb nur das Zuhören über diese große Distanz.

Schnitt – fertig! – Aus?

„Krebs!“ war sein erstes Wort nach meinen Fragen. „Sie haben bei mir Prostatakrebs diagnostiziert.“ Direkt nach seiner Ankunft zu Hause fand er den Brief vom Labor in seiner Post. Der Befund lautete auf fortgeschrittenes Stadium. Er war zum Urologen überwiesen worden. Dieser überstellte ihn ohne viel Federlesen auf den OP Tisch. „Operieren ist das einzig Wirksame! Raus mit dem Tumor – Radikal! Dann leben Sie wenigstens noch weiter und siechen nicht dahin. Potenz ist in ihrem Alter ja eher sekundär! In 3 Tagen ist OP oder Sie sind in 6 Monaten tot!“

Und jetzt was?

Vater berichtete völlig desillusioniert von diesem Arztbesuch. Nach 10 min war die Diagnose fertig. Ohne wirkliche Beratung durch den Facharzt war er aus dem Sprechzimmer rauskomplimentiert worden mit einer Überweisung – aller Hoffnung beraubt, ohne weiteres Wissen, ohne Hinweise! Alles war plötzlich sehr endlich. Es begann der totale Kontrollverlust über sein bisheriges Leben. Die Autofahrt nach Hause fühlte sich an wie fremd gesteuert. In Gedanken dachte er an das Zusammentreffen mit einem massiven Baum – es war ja jetzt egal! Nur noch 6 Monate ohne OP – und wie viele Monate nach einer OP? Was brachte das eigentlich? In den verbleibenden drei Tagen war keinen Zeit mehr für eine Suche nach Alternativen.

Alles geregelt!?

Die Zeit rannte jetzt! Die Wege führten zur Krankenkasse, zu den vorbereitenden Fachärzten, zur Bank, zum Notar, zu all den wichtigen als auch unwichtigen Institutionen, um alles „zu regeln“. Alles? Kann so alles geregelt sein? Nein! Seine Angst blieb! Es war seine Angst vor einem unverschuldeten Urteil, die in all seinen ach so geregelten Sachen mitklang. Jemand hatte auf Grund eines faktischen Laborbefundes eine Entscheidung für ihn selbst getroffen. Alternativen wurden dabei nicht erwähnt. Es gibt nur eine ordentliche Lösung! Widerstand ist zwecklos! In der Realisierung dieses Augenblicks rief er mich in meinem spanischen Studienort an. Ein schwerer Moment, in dem ein gestandener Vater seinem Sohn die eigene Endlichkeit ’sorglos geregelt‘ nahe bringen will. Er braucht mich doch jetzt bei sich!

Dafür ist keine Zeit

Sein Anruf war die letzte Aktion vor der Abfahrt zur radikalen Operation. Es blieb mir keine Zeit mehr für meinen jetzt doch so wichtigen Flug nach Hause. Morgen war der Eingriff, danach wolle er anrufen und weitere Sachen besprechen. Ich war so enttäuscht. Er hatte mich als Ultima Ratio kontaktiert. Ich bin sein Sohn! Hatte ich nicht ein Anrecht auf Information aus erster Hand? War ich nur technisches Beiwerk? Ich sorge mich doch genauso wie er! Ich habe die gleiche Angst! Ich stehe ihm doch zur Seite – bedingungslos! Ist das nichts wert?

Wie geht es weiter?

Die Operation hat er mit Einschränkungen überstanden. Die Nervenbahnen für die Wiedererlangung der Potenz wurden chirurgisch durchtrennt. Das war der Preis für die Alternativlosigkeit des Eingriffs. Völlig unnötig und zerstörerisch für das Familienleben – wie sich später herausstellte. Es gab sehr wohl Alternativen und die wären zum Zeitpunkt des Befundes noch wirksam anwendbar gewesen. Ein persönliches Desaster als Folge überschneller und veralteter Erfahrungswerte eines einzelnen Arztes ohne Hinzuziehung einer Zweitmeinung!

Wer noch?

Wie Vielen ergeht es noch so wie mir, war seine Frage nach der überstandenen OP. Ich muss etwas dagegen tun! Ich muss gegen diese Angst aufklären! Das ist bis heute seine intrinsische Motivation, die er mittlerweile an über einhundert Mitglieder seiner Selbsthilfegruppe weitergegeben hat. Er pflanzte den Willen zum Kampf gegen die Angst in die Köpfe anderer Väter. Sein Rezept dafür: Aufklärung im Vorfeld über alle Belange. Wissen bringt die Kontrolle über Entscheidungen zurück!

Wie aufklären?

Mein Vater kam mit dieser Frage zu mir. Es gibt so viele gestandene Männer, die plötzlich die selbe Angst erleiden. Sie stehen genau wie er damals vor einem riesigen schwarzen Loch, in welches Ihr Leben zu versinken droht. Wie kann man auf eine emotionale Weise Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben? Wie lassen sich diese sensiblen Informationen in die Breite vermitteln, ohne belehrend zu wirken?

Die Antwort war so offensichtlich wie auch komplex: mit einem Film!

Die Geburt eines Films

Zu Beginn des Jahres 2014, haben sich der Kameramann Johannes Romeyke, die Redakteurin Anne-Kristin Henker und die beiden Produzenten Fagus Pauly & Thomas Vogler an die Umsetzung dieses lange geplanten Filmprojektes gemacht. Dazu wurden zum Ende des Vorjahres schon lange Gespräche mit möglichen Darstellern geführt und die Suche nach passenden Drehorten gestartet. Nach mehreren schönen und aufregenden, wie auch mitreisenden Drehtagen waren alle Aufnahmen bald im Kasten und der Schnitt konnte beginnen. Durch die vielen langen und auch sehr emotionalen Interviews stand dem Team eine schwierige Aufgabe bevor. Die Ergebnisse können sich dafür sehen lassen. Einen ersten Eindruck und Blick auf die Beteiligten gibt es auf der Webseite: www.prostata-selbsthilfefilm.de Für den gesamten Film können Sie eine Bestellung über dieselbe Seite aufgeben. Wir bedanken uns bei allen Beteiligten und wünschen allen (irgendwann) mal Betroffenen eine umfassende Aufklärung.